Soziales Netz: Was kann im Netz süchtig machen?

„Medienabhängigkeiten im neuen Jahrtausend“ lautete die Überschrift zum Input von Prof. Dr. med. Dipl. Kfm. (FH) Rainer Riedel, Direktor des Institut für Medizin-Ökonomie an der Rheinischen Fachhochschule in Köln und erster Referent unserer Veranstaltung am 23. Januar im Landtag. Die neuen Herausforderungen der Digitalisierung und der Verbreitung des Internets als Kommunikations- und Informationsmittel, aber auch als Plattform für Online-Spiele standen im Mittelpunkt der Veranstaltung. Dazu referierte auch Frank Gauls, Leiter der Beratungsstelle Hellweg-Zentrum für Beratung und Therapie Bielefeld, aus seiner Praxis in der Beratung von Sucht-Betroffenen.
Zu der Veranstaltung hatte Matthi Bolte als netzpolitischer Sprecher der grünen Landtagsfraktion in NRW im Rahmen der Reihe „Soziales Netz“ eingeladen. Einige Interessierte sind der Einladung gefolgt und hatten viel Fachwissen, aber auch einige spannende Fragen an die Referenten im Gepäck, zu denen sie in einer Diskussion auch Antworten bekamen. Doch vor der Diskussion stand zunächst der Input der beiden Referenten. Prof. Dr. Rainer Riedel beschrieb hierbei zur Einleitung seinen eigenen Arbeitsplatz und stellte fest: Arbeiten ist für ihn und viele andere Menschen ohne PC und Internet im Jahr 2012 faktisch nicht mehr möglich. Selbst ArbeitnehmerInnen am Fließband bekommen ihre Arbeitsaufträge zum Teil per E-Mail. Darin sieht er eine der Grundproblematiken der Mediensucht: Eine grundlegende Abstinenz, wie zum Beispiel bei Alkohol-Suchtkranken, sei bei Mediennutzung schlicht nicht möglich. Parallelen seien eher im Bereich der Esssucht zu finden. Das Phänomen Mediensucht betrifft laut Prof. Dr. Riedel vor allem die Generation der „Digital Natives“, Personen, die nach 1980 geboren wurden und mit einer großen Zahl neuer Medien aufgewachsen sind. Doch ist die Sucht keine notwendige Folge hohen Medienkonsums. Genuss (gesunder Konsum) sei von Missbrauch (gelegentlicher Konsum mit geringen potentiellen Gesundheitsschädigungen) und Abhängigkeit als Extremform abzugrenzen. Im Bereich der Prävention stellt Prof. Dr. Riedel die gängige Praxis in Frage, Jugendmedienschutz und zum Beispiel Altersfreigaben von Computerspielen an Inhalten (Gewalt, Blut) und nicht an Nutzungsverhalten der Konsumenten zu orientieren.

Die Frage „Was ist die Realität in der Mediennutzung?“ steht auch für Frank Gauls im Mittelpunkt. Dazu stellte er Zahlen einer aktuellen Studie zur Mediennutzung von Jugendlichen in den Raum: Jungen nutzen demnach das Internet im Durchschnitt 144 Minuten am Tag und alle Medien 457 Minuten – Mädchen nutzen das Internet 131 Minuten und alle Medien 370 Minuten am Tag. Auch 53% der Erwachsenen nutzen das Internet täglich. Sucht spielt jedoch nur bei etwa 2% aller Nutzer und etwa 4% der Jugendlichen eine Rolle. 90% der Suchtkranken Jugendlichen sind vor allem „Gamer“. Der Rest sind „Chatter“ und „Surfer“. Zum Abschluss des Inputs zeigte Herr Gauls noch einen WDR-Lokalzeit-Bericht über einen seiner Patienten, Till-Bastian, der versucht sich aus seiner Online-Spiel-Sucht durch eine Selbsthilfegruppe und eine Therapie zu lösen.

In der anschließenden Diskussion, moderiert durch Arif Ünal, gesundheitspolitischer Sprecher der Grünen Landtagsfraktion, ging es unter anderem auch um die Frage, was „die Politik“ oder im speziellen der NRW-Landtag tun kann, um die Problematik einerseits weiter in die Öffentlichkeit zu tragen, Präventionsmaßnahmen zu unterstützen und andererseits auch die Hilfe für Betroffene zu verstärken. Frank Gauls betonte hierbei, dass die Finanzierung von Suchtprävention und –behandlung ein noch ungeklärtes Problem sei, da es bisher keine Clearingstelle in dem Bereich gibt. Die Wichtigkeit von Schulsozialarbeit und der Förderung von Medienkompetenzen in den Schulen wurde ebenfalls betont. So konnten sich auch die Abgeordneten mit wichtigen und spannenden Informationen und neuen Aufgaben für Ihre Arbeit im Landtag versorgen.

Schon am nächsten Montag, den 30.01. geht die Veranstaltungsreihe „Soziales Netz“ weiter mit dem Thema „Internetzugang durch Bildung?“.

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