1 Thema, 2 Abgeordnete: Smarte Stromnetze und sichere Daten

Moderne Stromversorgung und der Schutz unserer Daten haben viel miteinander zu tun. Wer das Buch „Blackout“ von Marc Elsberg gelesen hat, dem leuchtet das sofort ein. Der Bestseller-Autor ist einer von zahlreichen Gästen, die Wibke Brems, Verena Schäffer und Matthi Bolte für diesen Freitag zu ihrem Kongress „Damit das Licht nicht ausgeht – Energiesicherheit, Digitalisierung und die Folgen eines Blackouts“ eingeladen haben (Anmeldung unter gruene-fraktion-nrw.de/anmeldung-veranstaltung). Neben der Lesung tauschen sich die Teilnehmer in mehreren Foren und Vorträgen aus. Über intelligente Stromzähler und Netze, schlaue Haushaltsgeräte und warum diese datensparsam sein sollten haben sich Wibke Brems und Matthi Bolte bereits im Vorfeld unterhalten.

Matthi: Wibke, was ist ein Smart Meter und wofür brauche ich den?

Wibke: Ein Smart Meter, ein intelligenter Zähler, misst nicht nur den verbrauchten Strom wie ein traditioneller Stromzähler, er merkt sich auch, zu welchem Zeitpunkt wie viel Strom verbraucht wurde. Das gilt als Vorteil für Kundinnen und Kunden sowie Energieversorger. Zudem besteht die Hoffnung, die Stromversorgung durch die bessere Abstimmung zwischen Erzeugung und Verbrauch sicherer zu machen.

Matthi: Wie genau profitiere ich denn als Verbraucher?

Wibke: Kundinnen und Kunden können aufgrund der zusätzlichen Informationen, wann und wie viel Strom sie verbrauchen, ihr Verbrauchsverhalten ändern. Sinnvoll ist so ein Zähler vor allem, wenn man zudem einen speziell darauf ausgelegten Stromtarif wählt. Dabei wird zu dem Zeitpunkt Strom günstig angeboten, wenn viel zur Verfügung steht, und andersherum. Theoretisch können wir so Geld sparen und Energieversorger können Anreize setzen, Stromverbraucher, wie zum Beispiel die Waschmaschine, dann laufen zu lassen, wenn viel Strom zur Verfügung steht und somit der Strom günstig ist. Für die Energieversorger bieten die intelligenten Zähler den Vorteil, dass diese aus der Ferne auslesbar sind und sie mehr über das Verbrauchsverhalten der Menschen erfahren können, um so Prognosen über den zukünftigen Stromverbrauch anstellen zu können.

Matthi: Was hat das alles mit der Energiewende zu tun?

Wibke: Dazu muss man zunächst die Besonderheit unserer Stromversorgung kennen: Damit sie funktioniert, müssen Stromerzeugung und Stromverbrauch zu jedem Zeitpunkt gleich groß sein. Sie müssen wie bei einer Waage im Gleichgewicht stehen. Die Säulen des Energiesystems der Zukunft werden Sonne und Wind sein. Das erfordert eine neue Denkweise. Denn nun steht Strom ohne zusätzliche Maßnahmen, wie zum Beispiel Speicher, zunächst einmal nicht mehr dann zur Verfügung, wenn er nachgefragt wird, sondern wenn das Wetter es will.

Sogenannte intelligente Netze, man sagt auch Smart Grids, verbinden virtuell verschiedene Erzeugungsanlagen, Speicher und Stromverbraucher miteinander. Sie tragen dazu bei, diese Schwankungen auszugleichen. Wenn viel Strom zur Verfügung steht, organisieren sie beispielsweise, dass dieser gespeichert wird oder bestimmte Geräte dann im Einsatz sind.

Matthi: Und wie betrifft mich das?

Wibke: Als Teil des intelligenten Netzes können neben den Großverbrauchern wie der Industrie auch Haushalte ein Baustein sein. So gibt es heute bereits intelligente Haushaltsgeräte, zum Beispiel Spülmaschinen, Trockner, Waschmaschinen, die so eingestellt werden können, dass sie auf Preissignale der intelligenten Zähler warten und erst dann in Betrieb gehen, wenn der Strom besonders günstig ist. So können sie als Teil des intelligenten Netzes dazu beitragen, dass es dann entlastet wird, wenn viel Strom aus Erneuerbaren Energien zur Verfügung steht und umgekehrt.

Matthi: Aber wenn der intelligente Zähler so sinnvoll ist, warum hat dann nicht schon jeder Haushalt einen?

Wibke: Der Einbau intelligenter Zähler ist durch die EU europaweit vorgesehen. Allerdings wurde die Umsetzung den einzelnen Mitgliedsländern überlassen. In Deutschland wurde das Thema nur sehr zögerlich durch Schwarz-Gelb und Schwarz-Rot angegangen. Klare Rahmenbedingungen fehlen immer noch. Wichtige Fragen sind zudem nicht geklärt, zum Beispiel, wie man die Daten der intelligenten Zähler sicher schützen kann. Denn aus den Daten eines intelligenten Zählers können viele Verhaltensweisen des Haushaltes geschlossen werden…

Matthi: …beispielsweise die Zeiträume, in denen jemand zu Hause ist, oder bis wann er welche elektrischen Geräte verwendet. Auch als Datenschützer finde die Energiewende super und freue mich, wenn durch den Einsatz moderner Technik Ressourcen gespart werden. Aus Sicht des Datenschutzes wird es aber immer dann schwierig, wenn sich aus dem Stromverbrauch Rückschlüsse auf mein Verhalten, meine Gewohnheiten und Eigenschaften ziehen lassen. Es ist heute schon möglich, aus dem Stromprofil zu erkennen, welchen Film man abends im Fernsehen gesehen hat. Das sind Informationen, die müssen die Energiekonzerne nicht von mir haben.

Wibke: Das kann ich nachvollziehen. Was kann und sollte man tun?

Matthi: Auch beim Einsatz intelligenter Technik muss immer der Grundsatz der Datensparsamkeit gelten. Wenn es also nur darum geht, dass jemand den eigenen Stromverbrauch besser versteht, muss das Verbrauchsprofil nicht detailliert vom Anbieter ausgewertet werden. Die eigentlich wichtige Nachricht „Sehr gut, Du verbrauchst weniger Strom als der Durchschnitt“ kann auch direkt vom Zähler an die Nutzerin oder den Nutzer geschickt werden. Für den Datenschutz ist es immer am besten, wenn Daten gar nicht erst das Haus verlassen. Das gilt umso mehr, solange die Bundesregierung nichts für den Schutz der digitalen Infrastruktur tut. Würdest Du denn aus Sicht der Ingenieurin sagen, dass intelligente Netze unsicherer sind als ihre dummen Vorgänger?

Wibke: Das ist ein wenig so, als würde man fragen: Ist eine E-Mail per se unsicherer als ein Brief und sollten wir zum Briefeschreiben zurückkehren? Moderne Technik bietet Vorteile, bringt aber auch neue Herausforderungen mit sich, für die wir gemeinsam Antworten finden müssen. Das Stromsystem der Zukunft basierend auf Erneuerbaren Energien ist wesentlich flexibler, dezentraler und offen für Beiträge von Bürgerinnen und Bürgern. Durch seine dezentrale Ausrichtung wird es stabiler, weil Stromerzeugung und -verbrauch europa- und bundesweit ausgeglichen werden. Somit können verschiedene Wetterlagen berücksichtigt werden. Eine Rückkehr zur Energieversorgung ohne intelligente Steuerungen, Netze und Zähler – oder um im Vergleich zu bleiben eine Rückkehr zum Briefschreiben – ist schlicht nicht mehr denkbar.

Aber ich gebe Dir Recht: Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir auch den Datenschutz und den Schutz des Systems genau betrachten und für Sicherheit sorgen. Wie das Briefgeheimnis den Inhalt von Briefen und Verschlüsselung unsere E-Mails schützt und fremde Menschen keinen Zutritt zu unseren Kraftwerken haben, müssen wir auch Sicherheitsvorkehrungen treffen, damit unser gesamtes Energiesystem vor Eingriffen geschützt wird. Was für Erfahrungen gibt es da aus Deinem Bereich? Sind intelligente Stromnetze sicher gegen Hacker-Angriffe?

Matthi: Der Sicherheit wird in diesem Prozess leider noch ein zu geringer Stellenwert beigemessen. 2014 gelang es etwa IT-Experten, einen intelligenten Stromzähler zu hacken, der in Spanien bereits in acht Millionen Haushalten im Einsatz ist. Bei diesem Modell ist es möglich, durch einen Angriff von außen einem Haushalt den Strom abzuschalten, den Zähler zu manipulieren oder darauf Schadsoftware zu installieren. Wenn es zum flächendeckenden Einsatz von Smart Metern in Deutschland kommen soll, müssen solche Sicherheitsfragen geklärt sein. Für uns GRÜNE ist ja auch klar: Sicherheit und Vertrauen sind die wichtigsten Standortvorteile im digitalen Zeitalter.

Mehr Informationen zu dem Kongress gibt es hier und direkt zum Anmeldeformular geht es hier.

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