Freies Internet, Spotify und die Telekom

Dies ist ein Gastbeitrag von Andreas Krischer. Vielen Dank dafür! Andi kommt aus Düren und ist u.a. Schatzmeister der Grünen Jugend NRW.

Viele Telekom-Mobilfunkkund*innen genießen aktuell einen großen Luxus: unbegrenztes Spotify-Streaming! Wer unterwegs über Spotify Musik streamt, muss sich um sein Datenvolumen keine Sorgen machen, denn darauf wird die Spotify-Nutzung nicht angerechnet.

Klingt nach einem coolen Angebot und macht aus Kundensicht ja auch total Sinn: gerade die Nutzung von Streaming-Diensten – egal ob Spotify, YouTube oder Netflix – fallen beim Datenvolumen vor allem im Vergleich zu Chat-Diensten sehr stark ins Gewicht.

Auch aus Unternehmenssicht scheint die Option sinnvoll: die Telekom hat einen Vorteil gegenüber Mitbewerbern, gerade in der Zielgruppe Musik-Liebhaber*innen. Für Spotify lohnt sich die Kooperation, weil Telekom-Kund*innen dann natürlich eher Spotify nutzen, als andere Musik-Streamingdienste. Auf den ersten Blick also eine Win-Win-Win-Situation für alle drei Beteiligten. Das stimmt aber leider nicht: am Ende verlieren nämlich alle – insbesondere aber wir Verbraucher*innen.

Warum ist das so?

Das Internet ist eine ganz besondere Erfindung – und zwar aus einem ganz einfachen Grund: jede*r kann daran mitmachen. Ein Internetanschluss ist relativ günstig und reicht aus, um nicht nur Webseiten abzurufen, sondern auch eigene Webseiten online zugänglich zu machen.

Genau das ist seit Jahrzehnten das Erfolgsrezept des Internet: wer eine Idee hat, kann sie online umsetzen. Dazu braucht es keine Millioneninvestitionen in Produktionsmaschinen. Inzwischen für die meisten Sachen nicht einmal Programmierkenntnisse.

Und genau diesem Konzept steht das sog. Zero-Rating der Telekom entgegen. Zero-Rating bezeichnet ganz einfach die Nicht-Berechnung bestimmter Dienstleistungen im Internet, zB der Spotify-Nutzung im Datenvolumen. Es liegt also eine klassische Wettbewerbsverzerrung vor: Spotify hat gegenüber der Konkurrenz einen riesigen Vorteil. Angenommen ich entwickele meinen eigenen Musik-Streamingdienst: da reicht es nicht, einfach eine Webseite online zu stellen, um mit bestehenden Diensten zu konkurrieren. Ich muss auch noch die Telekom bezahlen, um ebenfalls Zero-Rating für meinen Streamingdienst zu bekommen.

Zwar ist die Kooperation von Spotify und Telekom in Deutschland noch eines von wenigen Zero-Rating-Angeboten, aber in den USA kann man schon sehen, was da auf uns zukommen kann: bei der Telekom-Tochter “T-Mobile US” bekommen 45 Musik-Streamingdienste Zero-Rating. Wer nicht dafür gezahlt hat, in der Liste zu sein, hat am Markt wohl kaum eine Chance, wirtschaftlich zu überleben.

Wer jetzt denkt, ist doch nicht so schlimm, bei 45 Anbietern gibt es doch genug Wettbewerb, der möge an die Entstehung von Facebook erinnert sein: ein Student ohne finanzielle Mittel entwickelt eine der erfolgreichsten Internet-Plattformen der Welt. Hätte es damals schon Zero-Rating gegeben, wäre das womöglich nie passiert.

Zero-Rating verhindert mittel- und langfristig also neue Innovationen, die uns gerade im digitalen Bereich in den letzten Jahrzehnten enorm voran gebracht haben. Die EU-Kommission hat sich leider genau wie die deutsche Bundesregierung gegen eine gesetzliche Netzneutralität ausgesprochen, die Zero-Rating verhindern und ein freies Internet sichern würde. Einer von vielen Punkten, warum es dringend mehr GRÜN im Bundestag braucht.

Was hat Zero-Rating mit Datenschutz zu tun?

Um das zu verstehen, muss Zero-Rating einmal technisch analysiert werden. Dazu ist es hilfreich, zu verstehen, wie Datenpakete im Internet eigentlich übertragen werden.

Auch wenn analog-Vergleiche mit dem Internet meistens etwas hinken, der hier ist doch ganz passend. Abruf und Versand von Informationen im Internet funktionieren nämlich ähnlich wie die Briefpost: Möchte ich etwas googeln, schreibe ich meine Anfrage auf einen Zettel und tue den in einen Briefumschlag. Dann schaue ich im großen Telefonbuch des Internets, dem Domain-Name-System (kurz DNS) nach, welche IP-Adresse Google hat und schreibe die außen als Empfänger auf den Brief. Dann übergebe ich den Brief meinem Internet-Provider (zB Telekom, Vodafone, 1&1) und diese bringen den Brief für mich zu Google und die Antwort von Google gleich wieder zurück zu mir.

Mein Internet-Provider weiß also gar nicht, was ich da gegoogelt habe, weil der ja nicht in meine Briefe, die hier für einzelne Datenpakete stehen, reinschaut. Was mein Internet-Provider aber macht, ist, mitzuzählen, wie viele (und wie große) Datenpakete ich transportiere, um zu schauen, wann mein Datenvolumen aufgebraucht ist.

Wenn mein Internet-Provider sich jetzt aber dazu entschließt, Zero-Rating umzusetzen, reicht es nicht mehr, die Pakete einfach nur zu zählen. Er muss jeden einzelnen Brief öffnen und schauen, ob sich ein Teil eines gestreamten Musik-Titels darin befindet. Das bedeutet: jedes Datenpaket, das ich übers Internet verschicke, wird nun geöffnet und der Inhalt überprüft. Das Ganze läuft natürlich komplett automatisch, allerdings ist es von hier aus nicht mehr schwierig, die sog. Deep-Packet-Inspection auch anders zu nutzen, zB von Geheimdiensten.

Zero-Rating gehört also abgelehnt und die Netzneutralität dringend gesetzlich gesichert! Das sichert uns ein langfristig freies Internet mit fairem Wettbewerb und entsprechender Innovationen.

 

 

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