Positionspapier zur Jugendkulturarbeit

Positionspapier der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Rat der Stadt Bielefeld zur Kinder- und Jugendkulturarbeit

Jetzt die Chance nutzen: Für eine selbstbestimmte, erweiterte und partizipative Kinder- und Jugendkulturarbeit

 

Die Grüne Ratsfraktion sieht in der Kulturarbeit eine zentrale Säule kommunaler Jugendpolitik. Wir sehen die aktuelle Debatte als große Chance an, ein zukunftsweisendes und nachhaltiges Konzept zu entwickeln.  Wir gehen davon aus, dass junge Menschen Fähigkeiten haben, die unsere Gesellschaft bereichern. Wir wollen Freiräume schaffen, in denen sich junge Bielefelderinnen und Bielefelder kreativ verwirklichen können.

Bestandsaufnahme

Bei einer kritischen Bestandsaufnahme wird man feststellen, dass die Angebote, die bisher als Jugendkulturarbeit gefördert werden, nur noch zu einem geringen Anteil tatsächlich junge Menschen erreichen können. Besonders hervor sticht der Jugendkulturring: nur noch 17% seiner Abonnent/innen sind unter 27 Jahre alt. Die Struktur Abo hat sich nach allgemeiner Einschätzung überlebt – so gut es konzeptionell auch gewesen mag. Es ist deshalb richtig, dieses Angebot zumindest aus der Fördersystematik der Jugendhilfe herauszunehmen.

 

Es gibt in Bielefeld zahlreiche Angebote der Kinder- und Jugendkulturarbeit, die ihre Zielgruppe erreichen. Diese geschieht in Schulen, in der offenen Kinder- und Jugendarbeit, bei freien Theatern und Künstler/innen, in Migrantenselbstorganisationen und nicht zuletzt auch vielfach in selbstorganisierten Zusammenhängen.

 

Mit dem Ende des Angebotes des JKR ergibt sich die Gelegenheit, tiefgreifende [SB1] Veränderungen in der Förderung der Kinder- und Jugendkulturarbeit anzugehen. Die Grüne Ratsfraktion will diesen Prozess maßgeblich mitgestalten und im engen Dialog mit den Kulturschaffenden in Bielefeld und den Akteuren der Kinder- und Jugendarbeit vorantreiben.

 

Unsere Vorstellungen

Wir gehen von einem erweiterten Kulturbegriff aus, der in umfassender Weise alle Artikulationsformen aller Kinder und Jugendlichen einbezieht und wollen, dass sich dieser erweiterte Kulturbegriff auch in der künftigen Bielefelder Förderpolitik niederschlägt. Längst findet Kultur nicht mehr nur im Saal statt. Auch muss kritisch bewertet werden, in welchem Umfang „klassische“ Anbieter von partizipativer Jugendkulturarbeit ihre Zielgruppe bzw. deren Wünsche und Anforderungen noch erreichen und welche gesellschaftlichen Gruppen nicht erreicht werden.

 

Wir wollen jugendliche Kultur im besten Sinne fördern. Die Aufgabe der Stadt Bielefeld soll sich auf das Ermöglichen und Vernetzen von Kultur beschränken. Selbstorganisation und Eigeninitiative sollen gefördert werden, wer Kultur machen will, soll in einem Jugendkulturbüro einen kompetenten Ansprechpartner finden, der eine Lotsen- und Koordinationsfunktion wahrnimmt. Unsere Vorstellung eines Jugendkulturbüros geht weit über das hinaus, was unter diesem Titel in der Diskussion steht. Ein kann sowohl Kinder und Jugendliche, die sich kulturell engagieren wollen, vernetzen oder gezielt auf bestehende Angebote hinweisen, sie kann aber auch Anbieter/innen zusammenführen, die stärker als bisher gemeinsame Projekte durchführen und gemeinsame Förderanträge stellen können, um Drittmittel akquirieren zu können.

 

Ein Jugendkulturbüro, das unseren Anforderungen genügt, muss vor allem unbedingte Neutralität wahren. Das bedeutet, dass es eine vermittelnde (koordinierende) Funktion zwischen Trägern der Jugendhilfe, freien Kulturträgern und -schaffenden und Stadt haben soll. Eine solche Stelle muss für kulturinteressierte Jugendliche und Kinder leicht und niedrigschwellig erreichbar sein. Sie sollte daher schon räumlich gut zugänglich sein – und zwar dort, wo junge Kultur zu finden ist. Wo genau dieser Ort sein kann, ist noch zu prüfen, er muss aber geeignet sein, unterschiedlichen Jugendkulturen eine Anlaufstelle zu bieten.

 

Einen erweiterten Kulturbegriff konsequent durchzudenken erfordert vor allem, selbstorganisierter Kultur mit Infrastruktur, Rat und Hilfe bei der Gewinnung von Förderern zur Seite zu stehen. Ein umfassendes Konzept darf nicht nur auf die Förderung der „Mitmach-Kultur“ gerichtet sein, sondern sollte weiterhin durchaus auch attraktive kommerzielle Angebote wie Comedy, Konzerte, Theater etc. vernetzen. Ein eigenes derartiges Angebot muss jedoch das neu zu schaffende Jugendkulturbüro nicht mehr selbst durchführen. Hilfestellung bei der Deckung dieses Bedarfs zu leisten, ist daher die dritte Aufgabe eines Jugendkulturbüros.

 

Wir wollen prüfen, inwieweit eine weitere Unterstützung der Jugendkultur möglich ist. Unser Vorschlag ist die Einführung eines „Jugendkultursoli“: Angebote der „hohen“ Kultur sollen auf freiwilliger Basis zu einem geringfügig höheren Preis wahrgenommen werden können. Wir wollen damit zum einen Interesse an und Solidarität mit jungen Kulturangeboten schaffen und ein Klima erzeugen, in dem alle Kulturinteressierten dieser Stadt zu der Überzeugung gelangen, dass Jugendkulturen eine Bereicherung für die Stadt sind. Zum anderen möchten wir zusätzliche Einnahmen generieren, die das vorhandene Budget aufstocken und durch durch eine unabhängige Stelle für Angebote der Kinder- und Jugendkultur genutzt werden können. Daneben ist zu prüfen, inwieweit im bestehenden Stellenplan der Stadt Umverteilungen zugunsten der Jugendkulturförderung möglich sind. Zumindest setzen wir uns dafür ein, auch alle städtischen Stellen, die mit Jugendkulturarbeit betraut sind, zu bündeln.

 

Kultur muss politisch sein. Wir beobachten mit Sorge, dass es in OWL zu einem erneuten Anstieg politisch motivierter Kriminalität (in erster Linie durch rechtsextreme Organisationen) gekommen ist. Kulturangebote, die von allen jungen Menschen genutzt werden können, können in diesem Bereich herausragende Präventionsleistungen erbringen.  Auch die Integrationsleistung von Kultur darf nicht unterschätzt werden. Wir wollen Kulturschaffende gezielt für die Belange der Bielefelderinnen und Bielefelder mit Migrationshintergrund sensibilisieren, junge Migrantinnen und Migranten zum „Kultur machen“ motivieren und Angebote, die sich speziell an sie richten, gezielt unterstützen. Wir sehen hier einen Schwerpunkt einer zeitgemäßen und an den gesellschaftlichen Anforderungen orientierten Förderpolitik. Gleiches gilt für die Sensibilisierung für die Belange von Mädchen und jungen Frauen sowie die Förderung entsprechender Kulturangebote.

 

Zuletzt bekräftigen wir unseren Anspruch, dass kommunal geförderte Kinder- und Jugendkulturarbeit junge Kultur fördern muss. Wir sind der Meinung, dass junge Menschen am besten entscheiden können, welche Angebote für sie gemacht werden sollen. Deshalb muss eine zeitgemäße Jugendkulturarbeit von der Planung bis zur Durchführung zur Partizipation anregen. Es soll daher auch künftig ein Gremium geben, das wie bisher der Jugendkulturrat, das Jugendkulturbüro bei Fragen der mittelfristigen Entwicklung junger Kultur in Bielefeld berät.

 

Wir gehen davon aus, dass die Angebote junger Kultur eng vernetzt mit bestehenden Angeboten in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, den Schulen und dem Sport gelingen können. Wir wollen die Macher und die Selbermacher an einen Tisch bringen. Wir befürworten deshalb die Einrichtung einer Jugendkulturkonferenz, in der neben den Verbänden im Bielefelder Jugendring weitere kulturschaffende Institutionen vernetzt werden. Die Jugendkulturkonferenz soll in regelmäßigem Austausch mit dem Jugendkulturrat und das Jugendkulturbüro stehen.

 

Wie können diese Vorstellungen umgesetzt werden?

Konkret setzen wir uns ein für ein Jugendkulturbüro, das an gut zugänglicher Stelle ein barrierearmes Angebot vorhält. Alle Anbieterinnen und Anbieter von junger Kultur sollen in einem gemeinsamen Internetportal die Möglichkeit zur Koordination und Präsentation haben. Wir befürworten ein gemeinsames Programmheft der Anbieter.

 

Derzeit reden wir über eine Fördersumme von 97.000 Euro, die durch den Wegfall des Jugendkulturrings neu vergeben werden können. Wir schlagen vor, dass ein Jugendkulturbüro institutionell in einem Drei-Säulen-Modell aufgebaut wird. Eine Säule hiervon ist die Förderung von Projekten, für die der größte Anteil des Budgets vergeben wird. Für die zweite Säule, die Vernetzung von Anbieterinnen und Anbietern, sind wir uns aber auch im Klaren, dass ein Jugendkulturbüro, das alle von uns gewünschten Aufgaben wahrnimmt, personell seinem Stellenwert entsprechend ausgestattet werden muss. Als dritte Säule setzen wir uns für die Schaffung eines Infrastruktur-Topfes ein, durch den für selbstorganisierte Kultur notwendige Mittel beschafft werden sollen. Diese müssen in einem einfachen Verfahren zugänglich sein. Es muss geprüft werden,  wie die Förderung selbstorganisierter Kultur jenseits der anerkannten Träger der Jugendhilfe für die jungen Kulturschaffenden einfach und unbürokratisch möglich ist.

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